Alternative Öffentlichkeit: Soziale Software und Netzwerke machen das WWW intelligenter und menschlicher
Eben jetzt schreibt vielleicht ein Künstler in Nordirland über den Fortschritt seines neuen Werkes. In seinem Blog. Ein Archäologe erläutert vielleicht in diesem Moment eine neue Entdeckung. In der freien Enzyklopädie Wikipedia. Anfang des Jahres hat ein Zeuge einen Film von der Exekution Saddam Husseins veröffentlicht. Gedreht mit der Handykamera. Veröffentlicht auf der Videoplattform YouTube. Die Welt schaut zu. Charaktere von überall auf diesem Planeten spielen miteinander in virtuellen Welten. In Online-Spielen wie Ego-Shootern erschießen sie sich, in Abenteuerspielen geht’s gemeinsam auf Schatzsuche. Neue Techniken, die großflächige Verbreitung von Breitbandzugängen, semantische Anwendungen im Web machen es möglich – die Welt wird vernetzt.
Es gibt eine Theorie, die „Six degrees of separation“, nach der jeder Mensch mit jedem anderen über sechs Ecken bekannt sein soll. Schwer vorstellbar. Doch je mehr Menschen persönliche Daten ins Netz einspeisen, desto näher rücken diese in der Tat zusammen. Soziale Netzwerke oder Kontaktbörsen leben davon. Im letzten Jahr in aller Munde: StudiVZ, ein Online-Netzwerk für Studierende in mehreren Sprachen. Oder OpenBC/Xing, eine webbasierte Plattform, in der reale Personen ihre Kontakte zu anderen Personen verwalten. Hier kann ein Nutzer abfragen, über „wie viele Ecken“ er andere Mitglieder kennt.
Grenzen verschwinden, und die erfolgreichsten Webseiten der letzten beiden Jahre leben nicht von Inhalten, die die Macher transportieren, sondern von solchen, die durch Nutzer erstellt und zugänglich gemacht werden.
Flickr: In der Foto-Community, die im März 2006 von Yahoo gekauft wurde, werden an guten Tagen über eine Million Fotos hochgeladen. Meist sorgfältig verschlagwortet, wodurch die Suche nach weiteren relevanten Bildern zu einem Thema erleichtert wird. Link
YouTube: Die Video-Plattform wurde im Oktober von Google gekauft. Sie lebt von Filmen, die durch die Gemeinde hochgeladen werden. Von Februar bis Oktober 2006 steigerte YouTube in Deutschland die eindeutigen Besuche auf der Webseite um 581 Prozent (Nielsen Netratings). Link
Wikipedia: Gerade die englischsprachige Version der Online-Enzyklopädie wächst und wächst. In den USA bewegt sich das Lexikon, das ausschließlich durch freiwillige Teilnehmer gefüllt wird, auf Augenhöhe mit Größen wie Amazon und Real Networks. Link
MySpace: Die Webseite ist wohl bekanntester Vertreter von sozialen Netzwerken – jedoch auf den englischsprachigen Raum ausgerichtet. In den USA belegt MySpace hinter Yahoo!, MSN/Windows Live, Google, Microsoft. AOL und eBay den siebten Platz in der Rangliste der am meisten besuchten Seiten (Quelle: Nielsen). Link
Wer-weiss-was: Ein kostenloses Netzwerk zum Austausch von Wissen. Das Expertenweb ist die erfolgreichste Community in Deutschland. Link
Aus all diesen Beispielen wird deutlich: Die Anwendungen des so genannten Web 2.0, das das klassische, lediglich aus „dummen“ Links bestehende Internet mit Sinn, ja: Verstand füllen soll, funktionieren nur durch die Zuarbeit der Nutzer. Diese versehen sogar ihre Lesezeichen mit Stichwörtern (Tagging) und veröffentlichen sie in „Social Bookmarking“-Gemeinschaften wie del.icio.us oder dem deutschen Mister Wong. Und auch deswegen wurde „You“ zur Person des Jahres 2006 im Time-Magazin gekürt. Ein weiterer Grund: Das im letzten Jahr so oft zitierte Wort Citizen-Journalism, Leserreporter, bedeutet mehr, als für die BILD Kinder ohne Helm auf einem Polizei-Motorrad zu knipsen. Es bedeutet vielmehr die Welt der Weblogs, die für eine alternative Öffentlichkeit sorgen: Bis Mitte 2007 erwartet die Berater-Firma Gartner weltweit 100 Millionen dieser privaten Tage- oder Meinungsbücher mit der Stärke in ihrer Individualität.
Eines ist sicher: Wikis, Web-logs, soziale Netzwerke sind weit über den „Beta“-Status hinaus, der so oft noch in ihren Logos zu finden ist. Auch der soll nämlich nur suggerieren: „Steig ein! Wir entwickeln das Web gemeinsam weiter!“ Eben sozial, nicht einsam.
(veröffentlicht in der HNA vom 11. Januar 2007)

