Das ist ja voll Opfer, heißt es heute in der Sprache der Jugend. Noch nie gehört? Bedeutet soviel wie peinlich, Panne, daneben. Und genau das trifft die aktuelle Popstars-Staffel. Fangen wir einfach mal mit der Jury an (weil die Teilnehmer in einem Jahr sowieso niemand mehr kennt).
Da wäre ein alternder Choreograph, der unter dem Buchstaben D bekannter ist als unter seinem Vornamen und sich mehr und mehr nicht als Tänzer sondern als Psychologenpapa versucht. Zuletzt mit Trend zu tränenreichen Auftritten. In der aktuellen Sendung ließ er andere weinen: “Laura, weine! Weint alle!” Man möchte hinzufügen: “Lernt singen!”, aber darum geht’s ja ohnehin nicht mehr.
Zum zweiten gibt es da eine Ex-Sängerin, die ebenfalls keiner unter ihrem echten Namen kennt. Und wer sie als Loona kennt, weiß, dass die Bezeichnung One-Hit-”Wonder” bei der Dame, die mitverantwortlich für das nächste Popstars-Debakel zeichnet, deutlich überzogen ist. Und schließlich stellen wir vor: Sido. Einen namen- und ehemals sogar gesichtslosen Rapper, dessen Künstlerkürzel übersetzt für “super-intelligentes Drogenopfer” steht. Noch Fragen?
Willkommen bei der siebten Ausgabe des untergehenden Formats, aus dem mit den No Angels ehemals die erfolgreichste deutsche Girl-Band hervorgegangen ist. Und im letzten Jahr eine Gruppe mit dem Namen eines Hotelzimmers, dessen Plattenvertrag übrigens in diesem Monat (berechtigterweise) ausläuft.
Die siebte Staffel steht unter dem Motto “Just 4 Girls”. Gesucht werden diesmal nicht Sänger und Tänzer, sondern – back to the roots – eine Band. Nur aus Mädchen. Bedeutet? Klar: Zickenkrieg. Gerade, wenn es so unerträglich heiß ist wie in Ägypten, wo der laut ProSieben bisher härteste Popstars-Workshop stattfindet.
Also hin zum Ort des Geschehens: Hierzulande steigt nur der Neidfaktor angesichts der Temperaturen im nordöstlichen Afrika, denen sich die künftigen Stars aussetzen müssen. Solche wie Anja und Desiree, deren Namen sich zwar niemand merken muss (siehe eingangs), die aber im Rahmen der Chronistenpflicht hier erwähnt sein sollen.
Anja und Desiree sind 16 und 19 oder umgekehrt, aber egal. Kaum in Sharm-el-Sheik gelandet ist es der einen zu heiß, der anderen zu stressig. Und nach zehn Minuten sind beide wieder auf dem Heimweg. Sendezeit-Minuten, wohlgemerkt. Da warens nur noch 14 statt 16.
Doch den anderen 14, immerhin, gefällts im Hotel: Denn bis um 20:20 Uhr, das waren die ersten fünf Minuten Sendezeit, durfte jede mindestens einmal “Scheiße, ist das geil” schreien oder nur “Scheiße! Geil!”. Sie merken: Es geht auch um Sprache in dieser Staffel. Denn scheiße, früher hat man doch nur geil gesagt, oder? Es ist sozusagen total Trauer, wie es mit den Jahren bergab gegangen ist mit der deutschen Sprache.
Jetzt zum Wichtigsten: Leo. Leo ist 19, war vor zwei Jahren schon einmal kurz vorm Ziel bei Popstars und kann jetzt neben Tanzen auch Singen. Was ihre Chancen verbessert, obwohl es darum ja schon lange nicht mehr geht.
Besser noch: Leo kommt aus Göttingen – und das gibt Einheimischen immerhin einen (!) Grund, Donnerstag abends ausgerechnet Popstars einzuschalten. Zumal davon auszugehen ist, dass sie noch ein Weilchen dabei bleibt, denn die 19-Jährige ist eine von vier Bandleaderinnen und Chefjuror Detlef D. Soost sagt über sie: “Leo weiß am meisten, worum es geht und hat auch das nötige Köpfchen.” Was anderen zweifelsfrei etwas abgeht. Wodurch irgendwie ein gewisser Spaßfaktor dann doch in die Sendung kommt.
Abschließend kommen wir zum Zweitwichtigsten: Dem Ende. Nach einer Woche Workshop mussten einige Kandidatinnen Anja und … Wie-war-noch-der-Name? folgen. Mit dem Unterschied, dass sie gegangen wurden. Weil ihre Darbietungen nicht “krass”, “übergeil”, “Hammer” oder “Bombe” waren (O-Ton Sido), sondern nur “Ach du Scheiße” (O-Ton Sido). Es handelt sich um Laura und Marcella.
Nochmal: Diese Namen brauchen Sie sich nicht merken. Dafür vielleicht den: Sido heißt mit bürgerlichem Namen Paul Würdig. Was irgendwie voll Opfer ist, sprachtechnisch gesehen.
P.S.: Und nächste Woche verrate ich den realen Namen von Loona.
(erschienen in HNA-online am 2.10.2008 – Kommentare bei Webnews)


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