TV, Radio und Online-Medien benutzen den Microblogging-Dienst Twitter, um über den Amoklauf in Winnenden zu informieren
Spätestens seit dem Amoklauf von Winnenden ist der Microblogging-Dienst Twitter (www.twitter.com) auch aus deutschen Medien nicht mehr wegzudenken. Wurde über das Angebot zuletzt im Wesentlichen von Online-Medien bezüglich des Flugzeugabsturzes in New York berichtet, gab es heute kaum ein Medium, das die Beiträge der Twitter-Welt ignorierte.
Im Fernsehen wurde das Angebot vorgestellt, Radiosender zitierten Beiträge der Nutzer – und, das ist keine gewagte Prognose, morgen werden Zeitungen im Zuge der Berichterstattung ebenfalls auf Twitter eingehen.
Es ist in der Tat ein “Trauriger Grund. Aber Twitter scheint heute in Deutschland den Durchbruch geschafft zu haben”. Schreibt ein Nutzer des Microblogging-Dienstes am Mittwoch um 16:24 Uhr. Da waren in wenigen Stunden bereits Tausende sogenannte Tweets (Beiträge mit maximal 140 Zeichen) mit dem Stichwort Winnenden veröffentlicht worden: Beileidsbekundungen, Meinungen, Mutmaßungen, Verweise auf Nachrichten, Videos, Kommentare zu den TV-Übertragungen, aber auch geschmacklose Witze.
Neben den normalen Nutzern gebrauchen immer mehr Medien den Dienst, um ihre Artikel zu verbreiten, selbst zu recherchieren und das eigene Material anzureichern. Denn über keinen anderen Kanal gibt es derzeit in Echtzeit mehr Informationen zu aktuellen Themen. Die allerdings beileibe nicht alle seriös und daher mit Vorsicht zu genießen sind. So schreibt der Journalist Mario Sixtus nicht zu Unrecht: “Liebe Presse: Mehr über die Vorgänge in Winnenden erfahren Sie in Winnenden und nicht auf Twitter.”
Doch trotzdem: Nicht jedem ist es gegeben, vor Ort sein zu können. Ganz ehrlich: In manchen Fällen will man das auch gar nicht sein. Wer sich heute über Winnenden informieren wollte, dem steht mit der Echtzeit-Kommunikation über Twitter ein abwechslungsreiches Angebot zur Verfügung, das interessanter zu verfolgen ist als die Dauerberichterstattung bei n-tv, N24 & Co. Weil menschlicher. Mit all seinen Fehlern. Das mitunter auf Wesentliches aufmerksam macht, das einem sonst entgangen wäre. So schreibt ein Nutzer: “Das nenn ich Menschlich: Auf NDR-Info wurde gerade ein Interview abgebrochen, weil dem Reporter die Tränen kamen…” Eine Mutter schreibt: “Musste meinem 8-jährigen Sohn gerade erklären, was ein Amoklauf ist. Und reichlich Nachfragen beantworten. Schwer.”
Twitter kann die Beobachtungen und Gefühle von vielen Menschen zu einem Thema bündeln. Das Webangebot Twitterfall verdeutlicht dies: Hier kann man live verfolgen, wie sekündlich neue Tweets zu Winnenden veröffentlicht werden. Dass Online-Medien (oder Journalisten allgemein) sich der Informationen aus der Microblogging-Welt bedienen ist legitim – sofern die journalistische Sorgfaltspflicht beachtet wird. Auch Twitter-Nutzer selbst stellen die Inhalte zum Teil in Frage: “Täter wird jetzt mit vollem Namen getwittert – finde ich ethisch und auch rechtlich bedenklich!”
Andere entlarven schnell Falschinformationen, die beispielsweise auf ein vermeintliches Rap-Video des Amokläufers verlinken, in der dieser seine Tat angekündigt haben soll. Die Twitterwelt ist voll von mal mehr, mal weniger interessanten Linkverweisen, von qualitativ guten wie auch schlechten Beiträgen. Twitter ist eine gelungene Mischung aus Information und Boulevard, die nicht nur im Kurzstil mit der Bild-Zeitung zu vergleichen ist: Man glaubt nicht alles, was darin steht, aber man liest sie doch immer wieder gern.
Manche wurden erst heute durch Beiträge im TV auf Twitter aufmerksam. Was zu Beiträgen führte wie: “Was sind das für Menschen, die sich heute plötzlich bei Twitter anmelden und Winnenden twittern? Gaffer?”. Hier spricht wohl die Arroganz der Eingeweihten… Twitter wird längst nicht mehr nur von einer kleinen Schar internetaffiner Freaks genutzt. Und jeder, der twittert, ist im weitesten Sinne ein Gaffer. Sei es, dass er Themen wie Winnenden verfolgt oder den Beiträgen bestimmter Nutzer.
Denen auch hier das letzte Wort gehören soll, kurz, knapp und fast sprachlos: “Ich bin völlig schockiert.”
Dieser Artikel erschien am 11. März 2009 auf HNA-online.

